top of page

Bewegen sich Sprachen schneller als Staatsgrenzen?

Ceramic plates with colorful floral patterns and text in various languages displayed on a shelf. Bowls of trinkets are in the foreground.

Warum sich Sprachgebrauch heute innerhalb weniger Jahre verändern kann


Lange Zeit gingen wir davon aus, dass sich Sprachen langsam verändern.

Dass sie an Territorien gebunden sind, über Generationen geformt werden und durch Institutionen stabilisiert sind.

Grenzen können sich verschieben, Bevölkerungen migrieren, Regierungen kommen und gehen – doch Sprache, so glaubten wir, würde hinterherhinken.

Das vergangene Jahrzehnt hat diese Annahme leise, aber grundlegend widerlegt.

In verschiedenen Teilen der Welt beobachten wir heute etwas, das die klassische Soziolinguistik kaum vorhergesehen hat:

Sprachpraktiken können sich innerhalb weniger Jahre verändern.

Nicht, weil sich Grammatik plötzlich wandelt oder Sprecher:innen eine Sprache „vergessen“, sondern weil sich die Bedeutung von Sprache schneller verändert als ihre Struktur.


Sprachen bewegen sich heute mit Menschen, nicht mit Karten.

Sie reagieren auf Sicherheit, Chancen, Ausschluss, Mobilität und Macht.

Und sie passen sich lange an, bevor Institutionen es tun.

Dieser Essay geht von einer einfachen, aber beunruhigenden Frage aus:


Bewegen sich Sprachen heute schneller als die Grenzen von Staaten?


Ein Blick auf unterschiedliche Kontexte – von Australien und Kanada über die Schweiz, Frankreich, Bosnien und Herzegowina, Südafrika bis nach Osteuropa – zeigt ein gemeinsames Muster:

Mehrsprachigkeit ist keine stabile gesellschaftliche Gegebenheit mehr, sondern ein dynamischer Prozess, geprägt durch beschleunigten demografischen, politischen und urbanen Wandel.

Im Zentrum steht dabei nicht die Frage, wie viele Sprachen eine Gesellschaft enthält, sondern wie Gesellschaften Sprache verstehen: als Infrastruktur oder Ideologie,als Ressource oder Bedrohung,als Handlungsfähigkeit – oder als Zugehörigkeitstest.


In diesem Sinne geht es beim heutigen Sprachwandel weniger um Linguistik im engen Sinn als um die Art und Weise, wie Gesellschaften mit Komplexität umgehen.

Und vielleicht erklärt gerade das seine Geschwindigkeit.


Australien: Mehrsprachigkeit als öffentliche Infrastruktur (nicht als Identitätspolitik)


Der australische Umgang mit Sprache wird oft als bloß „pragmatisch“ missverstanden.

Tatsächlich handelt es sich um ein sorgfältig entwickeltes Modell funktionaler Mehrsprachigkeit, das weniger aus ideologischen Debatten als aus tiefgreifender demografischer Transformation hervorgegangen ist.


Nach Angaben des Australian Bureau of Statistics (Volkszählung 2021):


  • sind 29,8 % der Bevölkerung im Ausland geboren – einer der höchsten Anteile unter OECD-Staaten,

  • werden in australischen Haushalten über 300 Sprachen gesprochen,

  • sprechen nahezu 22 % der Bevölkerung zu Hause nicht Englisch als Erstsprache.


Diese Zahlen sind keineswegs abstrakt.

Die Volkszählung zeigt zudem, dass fast fünf Millionen Menschen nur über begrenzte Englischkenntnisse verfügen – mit messbaren Risiken im Gesundheits-, Bildungs- und Rechtsbereich.

Regierungsberichte verknüpfen Sprachbarrieren mit erhöhten medizinischen Fehlbehandlungen und geringerem institutionellen Vertrauen bei Migrant:innen, was langfristige Investitionen in Dolmetschdienste und mehrsprachige öffentliche Kommunikation ausgelöst hat.


Bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren verabschiedete sich Australien vom Assimilationsmodell und entwickelte das, was Soziolinguist:innen als instrumentelle Mehrsprachigkeit bezeichnen (Clyne, 2005; Lo Bianco, 2014).


Neuere Forschung (Piller, 2016; Blackledge & Creese, 2021) zeigt konsistent:


  • dass die nachhaltige Förderung von Community Languages in Schulen, im Gesundheitswesen und in der lokalen Verwaltung die Integrationskosten deutlich senkt – bessere Bildungsergebnisse, geringere Gesundheitsrisiken, höheres Vertrauen;

  • dass mehrsprachige öffentliche Dienstleistungen den Erwerb des Englischen nicht verzögern, sondern häufig beschleunigen, weil frühe Exklusion reduziert wird.


Australien zeigt damit, dass Mehrsprachigkeit nicht als kulturelles Symbol gedacht werden muss.


Hier funktioniert sie als öffentliche Infrastruktur – und gute Infrastruktur fällt kaum auf, weil sie einfach den Fluss von Menschen, Informationen und Dienstleistungen ermöglicht.


Südafrika: Wenn normative Mehrsprachigkeit auf materielle Realität trifft


Südafrika gilt oft als Beispiel sprachpolitischer Ambition: elf Amtssprachen, verfassungsrechtlich geschützt seit 1996. Doch genau diese Ambition hat eine der zentralen Fragen der heutigen Soziolinguistik hervorgebracht:

Ist formale sprachliche Gleichstellung ohne institutionelle Kapazität selbst eine Form von Ungleichheit?

Nach Angaben von Statistics South Africa:


  • finden über 75 % des Sekundar- und Hochschulunterrichts auf Englisch statt,

  • bleiben afrikanische Sprachen wie isiZulu, isiXhosa oder Sesotho marginal in Lehrmaterialien, Wissenschaft und Verwaltung.


Bildungsstudien verschärfen dieses Bild. Nationale Lesetests und SACMEQ-Daten zeigen, dass Lernende, die ohne nachhaltige muttersprachliche Förderung in den englischsprachigen Unterricht wechseln, 30–40 % schlechtere Leseleistungen erzielen.


Forschung von Heugh (2015), Alexander (2013) und Banda (2020) belegt, dass Englisch weniger als neutrale Brücke fungiert, sondern vielmehr bestehende soziale Ungleichheiten verstärkt.


Kurz gesagt: Südafrika hat Mehrsprachigkeit in seiner Verfassung – aber nicht in seinem Budget.

Und Sprache ohne Budget ist, wie Neville Alexander formulierte, ein Symbol ohne operative Kraft.


Ukraine, Russland, Belarus: Sprache als Machtvariable (nicht als Kultur)


In den letzten zehn Jahren ist Osteuropa zu einem der aufschlussreichsten natürlichen Labore für die Erforschung schneller Sprachverschiebungen geworden.


Ukraine: Einer der schnellsten dokumentierten Sprachwandel in Europa


Daten des Kyiv International Institute of Sociology (KIIS) zeigen eine außergewöhnlich rasche Veränderung. Zwischen 2012 und 2023 stieg der Anteil der Befragten, die Ukrainisch als ihre hauptsächliche Alltagssprache angeben, von rund 45 % auf über 70 %, mit dem stärksten Anstieg nach 2022.


Bemerkenswert ist nicht nur das Ausmaß, sondern die Struktur dieses Wandels. Er betrifft alle Altersgruppen und Regionen – auch traditionell russischsprachige Gebiete – und kann daher nicht durch Generationenwechsel erklärt werden. Stattdessen beobachten wir eine massive sprachliche Neuorientierung Erwachsener.


Langzeitstudien zeigen zudem, dass es sich nicht bloß um eine deklarierte Identitätsänderung handelt, sondern um tatsächliche Sprachpraxis im Alltag, in Familien, am Arbeitsplatz und in informellen Kontexten.


Entscheidend ist, dass dieser Wandel nur schwach mit Sprachgesetzgebung korreliert. Ausschlaggebend war vielmehr ein tiefgreifender Wandel der sozialen Bedeutung von Sprache (Kulyk, 2023). Ukrainisch wurde von einem ethnischen Marker zu einem Signal von Sicherheit, Vertrauen und Zukunftsfähigkeit.


Damit stellt die Ukraine mehrere klassische Annahmen der Sprachtheorie infrage: dass Erwachsene ihre dominante Sprache kaum wechseln,dass Sprachwandel langfristigen institutionellen Druck benötigt,und dass Identitätswandel dem Sprachwandel vorausgeht.


Hier geschah das Gegenteil: Die Sprache änderte sich zuerst – und die Identität folgte.


Russland: formale Mehrsprachigkeit, faktische Zentralisierung


Die Russische Föderation erkennt offiziell Dutzende regionaler Sprachen an. Bildungsstatistiken zeigen jedoch einen kontinuierlichen Rückgang institutioneller Unterstützung.


Seit Mitte der 2000er-Jahre ist die Zahl der Schulen, die einen dauerhaften Unterricht in Regionalsprachen anbieten, stark zurückgegangen; der Anteil der eingeschriebenen Schüler:innen liegt in den meisten Republiken mittlerweile bei deutlich unter 10 % (Zamyatin, 2021).


Hier korreliert die Sprachwahl unmittelbar mit Mobilitäts- und Aufstiegspfaden.Russisch fungiert als einzige Sprache vertikaler Mobilität – nicht allein aufgrund politischen Drucks, sondern ebenso aufgrund der ökonomischen Logik staatlicher Zentralisierung.


Belarus: Sprache als latentes Symbol


Belarussisch besitzt offiziellen Status, wurde jedoch lange kaum im Alltag verwendet. Neuere Studien (Marples, 2022) zeigen eine Rückkehr der Sprache als symbolische und ethische Position, insbesondere unter jungen Menschen und in der Diaspora.


Diese Region zeigt eindrücklich: Sprache ist kein statisches Kulturgut, sondern eine dynamische Variable von Macht, Sicherheit und Zukunftserwartung.


Schweiz: Wenn Mehrsprachigkeit zur kognitiven Ökonomie wird


Die Schweiz gilt oft als Modell geregelter Mehrsprachigkeit. Neuere Forschung zeigt jedoch eine andere Entwicklung: Mehrsprachigkeit wird zunehmend als alltägliche kognitive Praxis erlebt.


Nach Angaben des Bundesamts für Statistik:


  • nutzen nahezu 40 % der Bevölkerung täglich mindestens zwei Sprachen,

  • in urbanen Zentren sogar über 50 %.


Studien (Lüdi; Werlen; Pandolfi) belegen die Ausbreitung rezeptiver Mehrsprachigkeit und eine Verschiebung von Code-Switching hin zu kommunikativer Effizienz.


Sprecher:innen nehmen Sprachgrenzen im Alltag zunehmend nicht mehr als Grenzen wahr. Sprachwechsel erfolgen, weil eine Situation weniger kognitiven Aufwand, mehr Klarheit oder schnellere Reaktionen erfordert.


Englisch fungiert in diesem Kontext nicht als neuer Hegemon, sondern als temporäre, operative Schnittstelle.

Die Schweiz verdeutlicht damit einen Übergang von Mehrsprachigkeit als politischem Kompromiss hin zu Mehrsprachigkeit als kognitiver Ökonomie.

Sprache wird zur Frage der Orientierung in komplexen Räumen, nicht der symbolischen Zugehörigkeit.


Frankreich: das monolinguale Ideal und das Paradox unsichtbarer Mehrsprachigkeit


Frankreich bleibt eines der klarsten Beispiele für ein assimilatorisches Sprachmodell.

Französisch ist hier nicht nur die Sprache des Staates, sondern die Verkörperung der Republik selbst.


Empirische Daten verkomplizieren dieses Bild jedoch deutlich. Statistiken des INSEE zeigen, dass im Großraum Paris über ein Drittel der Kinder in Haushalten aufwächst, in denen regelmäßig mindestens eine andere Sprache als Französisch gesprochen wird.


Trotzdem werden weniger als 5 % dieser sprachlichen Ressourcen im Bildungssystem institutionell anerkannt.

Längsschnittstudien (OECD) belegen, dass – unter Kontrolle sozioökonomischer Faktoren – Mehrsprachigkeit an sich keinen negativen Einfluss auf schulische Leistungen hat. Benachteiligung entsteht erst dann, wenn Institutionen mehrsprachige Repertoires didaktisch nicht zu nutzen wissen.


Frankreich zeigt damit, wie eine starke gemeinsame Sprache mit institutioneller Blindheit gegenüber realen Sprachpraktiken koexistieren kann.

Mehrsprachigkeit wird hier nicht unterdrückt – sie wird unsichtbar gemacht.


Kanada: Sprache als messbare soziale Variable


Kanada gehört zu den wenigen Kontexten, in denen Sprache zu einer systematisch messbaren sozialen Variable geworden ist.


Längsschnittdaten von Statistics Canada zeigen, dass Migrant:innen, die innerhalb der ersten fünf Jahre funktionale Kompetenz in einer der Amtssprachen erreichen, Einkommenszuwächse von bis zu 20 % gegenüber Spätlernenden verzeichnen.


Gleichzeitig hat der Erhalt der Erstsprache keinen statistisch signifikanten negativen Effekt auf Beschäftigung oder Integrationsindikatoren.


Weitere Studien zeigen, dass Kinder, die ihre Erstsprache beibehalten, häufig höhere Lese- und Schreibkompetenzen in beiden Sprachen entwickeln – ein Effekt, der mit erhöhtem metasprachlichem Bewusstsein in Verbindung gebracht wird (Cummins, 2021).


Kanada widerlegt damit empirisch den Mythos des „entweder–oder“.

Integration und sprachliche Kontinuität stehen nicht im Widerspruch – Konflikte entstehen erst dann, wenn Politik von einem solchen Gegensatz ausgeht.


Bosnien und Herzegowina: institutionalisierte Parallelität


Bosnien und Herzegowina zählt zu den am intensivsten untersuchten Fällen der kritischen Soziolinguistik – und das aus gutem Grund.

Hier fungiert Sprache als organisierendes Prinzip der Gesellschaft, nicht als kommunikative Brücke.

Berichte von UNESCO und OSZE zeigen, dass das System der „zwei Schulen unter einem Dachparallele Monolingualismen hervorbringt, indem sprachliche Unterschiede in starre Identitätsgrenzen übersetzt werden.

Demografische Daten verschärfen dieses Bild zusätzlich.

Seit 2013 hat Bosnien und Herzegowina über 10 % seiner Bevölkerung verloren, wobei die Abwanderung vor allem jüngere, gut ausgebildete Bevölkerungsgruppen betrifft.


Eine Sprache, die mit Identität überfrachtet ist, bietet kaum Zukunftsmobilität.


Junge Menschen nutzen Sprache zunehmend instrumentell – oder lassen sie gemeinsam mit dem Land zurück.

Bosnien und Herzegowina zeigt damit, was geschieht, wenn Sprachpolitik keine Zukunftsorientierung erzeugt.

Eine Sprache ohne Zukunftsform kann keine soziale Brücke sein.


Statt eines Fazits: Sprache als Bewegungsfähigkeit


Zusammengenommen zeigen diese Fallbeispiele ein klares und konsistentes Muster:

Sprachen gehen nicht deshalb zurück, weil Gesellschaften mehrsprachig sind, sondern weil Institutionen missverstehen, was Sprache leistet.

Mehrsprachigkeit funktioniert, wenn sie:


  • funktional statt ideologisch ist,

  • materiell unterstützt wird statt nur deklariert,

  • in der Praxis anerkannt wird statt nur im Recht,

  • und wenn sie Orientierung bietet statt Zugehörigkeitstests zu erzeugen.


Vielleicht ist die wichtigste Lehre der letzten Jahre diese:

Mehrsprachigkeit ist kein Problem, das ein für alle Mal gelöst werden kann.Sie ist eine Fähigkeit, die kontinuierlich gepflegt werden muss.

Und diese Fähigkeit ist nicht in erster Linie linguistisch. Sie ist sozial.


Literatur – Auswahl


Alexander, N. (2013). Thoughts on the New South Africa.Banda, F. (2020). African Languages and Development.Blackledge, A., & Creese, A. (2021). Language and Superdiversity.

Clyne, M. (2005). Australia’s Language Potential.

Cummins, J. (2021). Rethinking the Education of Multilingual Learners.

Heugh, K. (2015). Epistemologies in Multilingual Education.

Kulyk, V. (2023). Language and Identity in Wartime Ukraine.

Lo Bianco, J. (2014). Domesticating Multiculturalism.

Lüdi, G. (2019–2023). Urban Multilingualism in Switzerland.

Marples, D. (2022). Belarus: A Denationalized Nation.

Piller, I. (2016). Linguistic Diversity and Social Justice.

Zamyatin, K. (2021). Language Policy in Russia.


Statistische und institutionelle Quellen


Australian Bureau of Statistics (2021). Census of Population and Housing

Statistics South Africa (2019–2023). Education and Literacy Surveys

Bundesamt für Statistik Schweiz (2018–2023). Sprachgebrauchserhebungen

INSEE (Frankreich). Daten zu Migration, Sprache und Bildung

Statistics Canada. Longitudinal Immigration Database (IMDB)

Kyiv International Institute of Sociology (2012–2023). Erhebungen zum Sprachgebrauch

UNESCO (2019–2022). Education and Segregation in Bosnia and Herzegovina

OSZE (2020). Two Schools Under One Roof – Update

SACMEQ. Monitoring Educational Quality in Southern and Eastern Africa

©2025 von Eva Premk Bogataj 

 

bottom of page