Biber als Hochwasserschutzstrategie: Wenn Flüsse ihren Raum zurückbekommen
- Eva Premk Bogataj
- 17. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Warum Hochwasser immer schlimmer werden – eine historische Perspektive
Hochwasser sind kein neues Phänomen.
Neu ist das Ausmaß der Schäden, die sie verursachen.
In den vergangenen zwei Jahrhunderten wurden europäische Flüsse systematisch eingeengt.
Seit dem späten 18. Jahrhundert hat man Flüsse begradigt, vertieft, eingedeicht und von ihren Auen abgeschnitten – im Namen von Effizienz, Schifffahrt, Landgewinnung und Energiesicherheit. Die vorherrschende Annahme lautete: schnellerer Abfluss bedeutet mehr Sicherheit.
In Wirklichkeit geschah das Gegenteil.
Wenn Flüsse ihren Raum verlieren, beschleunigt sich das Wasser.
Hochwasserwellen werden kürzer, höher und zerstörerischer.
Allein in Deutschland sind heute über 60 % der natürlichen Überschwemmungsflächen verloren gegangen, entlang großer Flüsse wie Rhein, Elbe und Donau liegen die Verluste lokal bei 80–100 %.
Flüsse wurden faktisch zu hydraulischen Pipelines umgebaut – hocheffizient, aber gefährlich fragil.
Diese historische Verengung der Flüsse ist ein zentraler Grund dafür, warum Hochwasser heute so kostspielig sind.
Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur haben klima- und wetterbedingte Extremereignisse in Europa seit 1980 wirtschaftliche Schäden von rund 822 Milliarden Euro verursacht (inflationsbereinigt). Fast die Hälfte dieser Verluste ist auf Hochwasser zurückzuführen.
Allein in den letzten drei Jahren (2021–2023) wurden Schäden von über 160 Milliarden Euro verzeichnet, davon etwa 44 Milliarden Euro im Jahr 2023.
Im Durchschnitt übersteigen die Hochwasserschäden in der EU heute 12 Milliarden Euro pro Jahr, und Prognosen zeigen, dass diese Kosten weiter stark steigen werden, wenn sich die Anpassungsstrategien nicht grundlegend ändern.
Jüngste Ereignisse machen dies schmerzhaft deutlich. In Emilia-Romagna (Italien, 2023) führten langanhaltende Regenfälle zu verheerenden Überschwemmungen, bei denen Zehntausende Menschen evakuiert werden mussten und Schäden von über 10 Milliarden Euro entstanden.
In Mitteleuropa (2024) verursachte Sturm Boris großflächige Überflutungen in Österreich, Deutschland, Polen, Tschechien und Ungarn – mit Dutzenden Todesopfern und Schäden in Milliardenhöhe.
Auch Spanien erlebte 2024 rund um Valencia katastrophale Überschwemmungen mit geschätzten Schäden von 18 Milliarden Euro.
Diese Zahlen offenbaren eine unbequeme Wahrheit: Europa bezahlt immer wieder für denselben historischen Fehler – Wasser wird gezwungen, sich zu schnell durch Landschaften zu bewegen, die keinen Raum mehr haben, es aufzunehmen.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Biber nicht als nostalgisches Symbol unberührter Natur, sondern als eine ausgesprochen zeitgemäße Antwort auf hydrologische Risiken.
Verlangsamen, was wir zu schnell gemacht haben
Biber regulieren Flüsse nicht im technischen Sinne. Sie verlangsamen sie.
Durch den Bau von Dämmen und Kanälen schaffen Biber komplexe, vielschichtige Wasserlandschaften, in denen sich Wasser seitlich ausbreitet, staut und langsam flussabwärts bewegt. Anstelle eines einzigen beschleunigten Kanals entsteht ein Mosaik aus Feuchtgebieten, Teichen und Seitenarmen.
Diese Langsamkeit hat messbare hydrologische Effekte. Wasser verbleibt länger im Einzugsgebiet, Abflussspitzen werden reduziert und die Energie des Hochwassers verteilt. Zwar können Biber extreme Hochwasser nicht verhindern, doch zeigen Forschung und Feldbeobachtungen, dass sie kleinere und mittlere Hochwasserereignisse deutlich abschwächen – genau jene Ereignisse, die für den Großteil der wirtschaftlichen Schäden verantwortlich sind.
In einigen untersuchten Einzugsgebieten wurde Wasser, das sonst innerhalb weniger Stunden abfließen würde, über Tage oder sogar Wochen zurückgehalten.
Diese zeitliche Umverteilung ist entscheidend: Sie senkt Hochwasserspitzen und verschafft flussabwärts gelegenen Gemeinden wertvolle Reaktionszeit.
Wenn Flüsse sich wieder selbst reinigen
In Brandenburg, nahe Berlin, zeigt ein kleiner Bach eindrucksvoll, wie Biber die Wasserqualität verändern können. Einst trüb und stark beeinträchtigt, wurde das Gewässer nach der Rückkehr der Biber deutlich klarer. Sedimente setzten sich ab, Wasserpflanzen kehrten zurück und die biologische Vielfalt nahm zu.
Der Mechanismus ist ebenso einfach wie tiefgreifend. Langsamer Fluss erlaubt es Schwebstoffen und Schadstoffen, sich abzusetzen; Nährstoffe binden sich an Sedimente, und mikrobielle Prozesse – etwa die Denitrifikation – reduzieren überschüssige Nitrate.
Biber „reinigen“ Wasser nicht aktiv. Sie schaffen die Bedingungen, unter denen Flüsse ihre Selbstreinigungskraft wiedererlangen.
In einer Zeit, in der Wasseraufbereitung enorme Investitionen und Energie erfordert, wird diese natürliche Filterfunktion zunehmend als ökonomisch und ökologisch bedeutsam erkannt.
Vom Beinahe-Aussterben zu über einer Million Ingenieuren
Um 1900 war der Eurasische Biber nahezu ausgestorben.
Nur etwa 1.200 Individuen überlebten in isolierten Rückzugsgebieten. Heute leben in Europa über eine Million Biber, einige Schätzungen gehen von mehr als 1,4 Millionen aus.
Die Schweiz zählt mehrere Tausend Tiere, Slowenien verzeichnet seit 1998 eine stetige Wiederbesiedlung entlang der Flüsse Save, Drau, Mur und Kolpa.
Die Rückkehr des Bibers ist nicht nur ein Erfolg des Naturschutzes – sie markiert einen grundlegenden Wandel in der Flussbewirtschaftung: weg von starrer Kontrolle hin zu adaptivem Zusammenleben.
Angst, Konflikte und die wahren Kosten von Hochwasser
Biber verursachen zweifellos lokale Konflikte.
Sie fällen Bäume, überfluten landwirtschaftliche Flächen und beschädigen gelegentlich Entwässerungssysteme oder Dämme. Diese Auswirkungen sind real und müssen gemanagt werden.
Was jedoch selten offen angesprochen wird, ist der entscheidende Vergleich: lokale Biberschäden versus systemische Hochwasserschäden. Wenn Hochwasser regelmäßig Schäden in Milliardenhöhe verursachen, erscheint die finanzielle Belastung durch das Zusammenleben mit Bibern vergleichsweise gering.
Genau deshalb sind Biber politisch umstritten geworden.
Nicht, weil sie übermäßige Schäden verursachen, sondern weil sie eine tief verwurzelte Überzeugung infrage stellen: dass Sicherheit nur durch immer stärkere Kontrolle von Flüssen erreicht werden kann.

Fünf Fakten über Biber, die die meisten Menschen nicht kennen
Biberlandschaften können Wasser wochenlang länger zurückhalten als kanalisierten Flüsse.
Biberdämme führen häufig zur raschen Rückkehr lokal ausgestorbener Arten.
In einigen Gewässern hat sich die Wasserqualität ohne technische Aufbereitung deutlich verbessert.
Biber schaffen mehr funktionale Lebensräume pro Quadratmeter als viele ingenieurtechnische Renaturierungsprojekte.
Ihr größter Wert liegt nicht in einzelnen Dämmen, sondern in Netzwerken von Strukturen, die gemeinsam wirken.
Inspirierende Projekte
Flussrenaturierungen mit Bibern in Brandenburg (Deutschland).
Schweizer Auenprogramme, die Biber als ökologische Partner verstehen.
LIFE-Projekte in Slowenien zur Entwicklung von Koexistenzmodellen zwischen Landwirtschaft und Bibern.
Europaweite „Room for the River“-Strategien zur Wiederanbindung von Flüssen an ihre Auen.
Quellen & weiterführende Literatur
European Environment Agency – Economic losses from climate-related extremes
DW Documentary – Beavers: Nature’s Engineers
Bundesamt für Umwelt (BAFU) – Biber und lebendige Flüsse
IPCC AR6 Arbeitsgruppe II – Impacts, Adaptation and Vulnerability
WWF – Nature-based solutions for flood resilience
Schlussgedanke
Biber lehren uns nicht, höhere Deiche zu bauen.
Sie lehren uns, wann Deiche nicht mehr ausreichen.
In einer sich erwärmenden Welt, in der Hochwasser Europa bereits zig Milliarden Euro pro Jahr kosten, kann Hochwasserschutz nicht länger allein auf schneller Entwässerung und höheren Mauern beruhen. Er braucht Raum, Zeit und ökologische Intelligenz.
Hochwassermanagement bedeutet heute nicht mehr, Wasser zu kontrollieren.
Es bedeutet, mit Unsicherheit umzugehen. Und bei dieser Aufgabe könnte der Biber einer der wirksamsten – und unterschätztesten – Verbündeten Europas sein.

