Wenn Wasser zur Entscheidung wird: Was Dänemark uns über die Zukunft der Alpen und des Himalaya lehrt
- Eva Premk Bogataj
- 17. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Der Himalaya und die Alpen – die Wassertürme der Welt
Der Himalaya und die Alpen werden häufig als die Wassertürme der Welt bezeichnet.
Beide Gebirgssysteme versorgen Hunderte Millionen Menschen flussabwärts mit Wasser und wirken als natürliche Regulatoren des hydrologischen Kreislaufs.
Doch diese Wassertürme schmelzen heute im wörtlichen Sinn.
Gletscher, die über Jahrhunderte hinweg als langsame und verlässliche natürliche Speicher fungierten, verlieren rasch an Masse.
Die Folge ist nicht nur eine Veränderung der Wassermenge, sondern vor allem eine Verschiebung des Zeitpunkts der Wasserverfügbarkeit.
Wasser ist keine stabile Ressource mehr, sondern ein dynamischer, saisonaler und zunehmend unsicherer Prozess.
Wasser in den Alpen: Von Energiesicherheit zu Risikomanagement
In den Alpen sind die Auswirkungen bereits deutlich spürbar. Die Wasserkraft – lange ein Symbol für Schweizer und alpine Stabilität – wird zunehmend unberechenbar. Geringere Schneemengen im Winter, ein früherer Schmelzbeginn im Frühjahr und längere sommerliche Trockenperioden erfordern einen grundlegenden Wandel der Wasserbewirtschaftung.
Der Fokus verschiebt sich von der Maximierung der Energieproduktion hin zu einem integrierten Risikomanagement.

Prägnante alpine Beispiele sind:
Mehrzweck-Stauseen in der Schweiz und in Österreich, die nicht nur der Wasserkraft dienen, sondern auch dem Hochwasserschutz, ökologischen Mindestabflüssen und der Trinkwasserversorgung;
Flussrenaturierungsprojekte (z. B. in den Kantonen Graubünden und Wallis), bei denen technische Kanäle durch natürliche Auen ersetzt werden, um Hochwasserrisiken zu reduzieren und gleichzeitig die Biodiversität zu fördern;
Lokale und regionale Wasserkooperationen, die Berggemeinden mit flussabwärts gelegenen Städten wie Zürich verbinden und Fragen der Gerechtigkeit zwischen „wasserproduzierenden“ Hochlagen und „wasserverbrauchenden“ Tieflagen aufwerfen.
In den Alpen wird Wasser zunehmend nicht mehr nur als Infrastruktur verstanden, sondern als gemeinschaftliche Ressource, die politische Aushandlung und soziale Governance erfordert.
Wasser im Himalaya: Von Infrastruktur zu gemeinschaftlicher Resilienz
Im Himalaya ist die Situation noch akuter. Die rasche Urbanisierung der Täler – insbesondere im Raum Kathmandu – überholt den Aufbau wirksamer Governance-Strukturen, während ländliche Hochlandgemeinschaften weiterhin stark anfällig für Dürren, Gletscherseeausbrüche (GLOFs) und saisonale Wasserknappheit sind.
Hier erweisen sich gemeinschaftsbasierte und naturbasierte Ansätze, wie sie von ICIMOD und Partnerorganisationen gefördert werden, als entscheidend:
Künstliche Gletscher (Eisstupas) in Ladakh (Indien): einfache, kostengünstige Systeme, die Winterwasser als Eis speichern und es im Frühjahr schrittweise für die Bewässerung freigeben;
Revitalisierung traditioneller Wassersysteme wie der dhunge dharas (Steinbrunnen) in Nepal, die kulturelles Erbe mit moderner hydrogeologischer Erkenntnis verbinden;
Kleinskalige Feuchtgebiete und Rückhaltesysteme in Bergdörfern, die Monsunwasser auffangen und die Abhängigkeit von instabilen Gletscherquellen verringern.
Diese Beispiele zeigen, dass Technologie allein nicht ausreicht. Resilienz entsteht durch lokales Wissen, Beteiligung und Anpassungsfähigkeit, nicht durch importierte Lösungen ohne Kontextbezug.

Was übertragbar ist – und was nicht
Dänemark | Alpen & Himalaya |
Prävention | Anpassung |
Stabile Verfügbarkeit | Saisonale und unsichere Wasserverfügbarkeit |
Institutionelle Regulierung | Gemeinschaftliche Governance & lokales Wissen |
Grundwasserbasierte Systeme | Oberflächenwasser + Gletscher |
Übertragung bedeutet daher nicht das Kopieren von Technologien, sondern die Übersetzung von Konzepten. Dänische Prävention wird in den Alpen zu Risikomanagement und im Himalaya zu gemeinschaftlicher Resilienz.
Formale Regulierung muss durch lokale Governance ergänzt werden, während naturbasierte Lösungen (NbS) – Feuchtgebiete, Auen, vegetationsbasierte Systeme – als gemeinsamer Nenner über Regionen hinweg hervortreten.
Ein neues Paradigma: Unsicherheit regieren
In Gebirgsregionen kann Wasser nicht länger einfach „technisch beherrscht“ werden.
Es muss kontinuierlich ausgehandelt und als Prozess gesteuert werden. Zukunftsorientierte Wasser-Governance erfordert:
aktive Beteiligung lokaler Gemeinschaften,
Anerkennung und Integration lokalen und indigenen Wissens,
systematischen Einsatz naturbasierter Lösungen,
adaptives Management, das Unsicherheit nicht als Scheitern, sondern als Ausgangsbedingung begreift.
Dies ist die Sprache, die heute von ICIMOD, WWF und führenden alpinen Forschungsinstitutionen gesprochen wird – und es ist zugleich die Lehre, die Kopenhagen bereits vor Jahrzehnten durch präventives und integriertes Wassermanagement verinnerlicht hat.
Schlussfolgerung
Vielleicht wird die Zukunft des Wassermanagements nicht dadurch bestimmt sein, wie effizient wir Wasser reinigen können, sondern wie lange wir es sauber halten – und wie gerecht wir bereit sind, es zu teilen.
Laut dem UN World Water Development Report wird die globale Wassernachfrage bis 2030 das nachhaltige Angebot um bis zu 40 % übersteigen – nicht weil Wasser verschwindet, sondern weil Governance, zeitliche Steuerung und Zugang versagen.
Nirgendwo ist dies sichtbarer als in Gebirgsregionen, wo schwindende Gletscher, saisonale Abflüsse und konkurrierende flussabwärts gelegene Interessen Wasser zu einer Frage von Macht, Gerechtigkeit und Verantwortung machen.
Was Dänemark zeigt, ist keine technologische Überlegenheit, sondern zeitliche Intelligenz: die Fähigkeit, vor der Krise zu handeln, in unsichtbaren Schutz statt in sichtbare Reparatur zu investieren und Wasser als Gemeingut statt als letzte Ressource zu behandeln.
Die Alpen und der Himalaya erinnern uns jedoch daran, dass diese Weitsicht nicht eins zu eins exportiert werden kann. Sie muss übersetzt werden – durch lokales Wissen, Beteiligung und Respekt vor ökologischen Grenzen.
Wassermanagement bedeutet daher heute nicht mehr, die Natur zu kontrollieren, sondern Unsicherheit zu regieren. Es zwingt uns zu entscheiden, wessen Wissen zählt, welche Risiken akzeptabel sind und wessen Zukunft geschützt wird. In diesem Sinne wird Wasser zum Spiegel unserer Gesellschaften: Es zeigt nicht nur unsere technischen Fähigkeiten, sondern auch unsere ethischen Prioritäten.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob wir über die Technologie verfügen, Wasser zu sichern – sondern ob wir den institutionellen Mut und die kulturelle Vorstellungskraft besitzen, Prävention der Reaktion vorzuziehen, Kooperation der Konkurrenz und langfristige Resilienz kurzfristiger Effizienz.
In einer sich erwärmenden Welt ist die fortschrittlichste Wasserstrategie möglicherweise jene, die weiß, wann man nicht eingreifen sollte, wann man zuhören muss und wann gemeinsames Handeln erforderlich ist.
Quellen / Weiterführende Literatur
Alpen / Europa
Schweizerisches Bundesamt für Umwelt (BAFU): Klimawandel und Hydrologie in der Schweiz
Europäische Umweltagentur (EEA): Climate Change Impacts and Adaptation in Europe
UNESCO (2019): The United Nations World Water Development Report – Leaving No One Behind
Himalaya / ICIMOD
ICIMOD (2019): The Hindu Kush Himalaya Assessment
ICIMOD (2023): Water, Ice, Society, and Ecosystems in the Hindu Kush Himalaya
WWF (2020): High Mountain Water Towers in a Changing Climate
Naturbasierte Lösungen & Governance
Europäische Kommission (2021): Nature-based Solutions and Re-naturing Cities
Weltbank (2018): Building Climate Resilience in Mountain Regions
IPCC AR6, Arbeitsgruppe II (2022): Impacts, Adaptation and Vulnerability
Dänemark / Integriertes Wassermanagement
Dänisches Umweltministerium: Groundwater Protection and Water Governance in Denmark
OECD (2015): Water Resources Governance in OECD Countries



