Was Wassermanagement wirklich bedeutet
- Eva Premk Bogataj
- 4. Jan.
- 7 Min. Lesezeit

Was die Schweiz (und die Welt) uns über Macht, Regeln und echtes Wassermanagement lehrt
Wasser gehört zu den wenigen Substanzen, die gleichzeitig der Natur und der Politik angehören.
Es fließt, wohin es will – und doch fangen Menschen es in Regeln, Verträgen, Rohren und Staudämmen ein.
Wenn Menschen von Wassermanagement sprechen, denken sie meist noch immer an Infrastruktur: Turbinen, Deiche, Betonwehre.
Doch Wasser ist selten ein Technologieproblem.
Die Ingenieurskunst haben wir.
Das Fachwissen haben wir.
Was uns oft fehlt, ist Einigung.
Wasser-Governance ist im Kern eine Frage von Entscheidungen: Wer hat wann das Recht auf Wasser, zu welchem Zweck – und wer trägt die Kosten, wenn Entscheidungen scheitern oder gar nicht getroffen werden?
Genau deshalb ist die Schweiz ein so eindrucksvoller Fall.
Nicht weil ihr System „perfekt“ wäre, sondern weil es – fast mit der Klarheit eines Labors – zeigt, wie Regeln in der Praxis funktionieren und wie oft sie nicht so wirken, wie wir es auf dem Papier erwarten.
Die Schweiz als Wasserparadox
Die Schweiz wird oft als „Wasserturm Europas“ bezeichnet.
Große Flüsse entspringen auf ihrem Gebiet: Rhône, Rhein, Inn und Ticino.
Wasser ist relativ reichlich vorhanden, sauber und technisch gut bewirtschaftet.
Und dennoch stoßen wir hier auf das erste Paradox moderner Wasser-Governance:
Mehr Wasser bedeutet nicht weniger Konflikte.
In der Schweiz äußern sich Wasserkonflikte selten als dramatische Krisen oder offene Konfrontationen.
Sie sind leiser – aber langfristig äußerst wirksam: institutionelle Streitigkeiten, Ausnahmeregelungen im Kleingedruckten und jahrelange Verhandlungen zwischen Kantonen, Gemeinden, Versorgungsbetrieben, Wasserkraftunternehmen und Umweltorganisationen.
Es ist eine hochentwickelte Form des Regierens durch Ausnahmen.
Genau das macht die Schweiz zu einem idealen „Labor“ für das Verständnis realer Wasserbewirtschaftung.
Als der Fluss eine Maschine war
Die Geschichte der Rhône zeigt, wie sich die soziale Bedeutung von Wasser im Laufe der Zeit verändert. Während der Industrialisierung – etwa von 1870 bis 1970 – war der Fluss in erster Linie ein Produktionsinstrument.
Wasserkraft bedeutete Entwicklung, Modernisierung, nationales Interesse.
Der Fluss wurde reguliert, kanalisiert, „verbessert“. Ökologie existierte kaum als politische Kategorie.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Bild komplexer.
Die Kernenergie in Frankreich brachte neue Anforderungen an Kühlwasser; Sicherheit wurde zu einer grenzüberschreitenden Frage; Umweltstandards wurden verschärft. Der Fluss war nicht mehr nur Energiequelle – er wurde auch zu einem potenziellen Risiko.
Heute leben wir in einer dritten Phase: dem Zeitalter der Integration.
Wasser muss gleichzeitig Trinkwasserversorgung, Landwirtschaft, Energie, Ökosysteme und Erholung dienen.
Es gibt mehr Akteure, mehr Entscheidungsebenen, mehr Regeln. Und ein weiteres Paradox tritt zutage:
Integration erhöht die Komplexität schneller, als sie die Kontrolle erhöht.
IWRM: eine schöne Idee, eine harte Realität
Um die Jahrtausendwende wurde das Integrierte Wasserressourcenmanagement (IWRM) zum dominanten Leitbild – die Koordination von Wasser, Land und verwandten Ressourcen auf Einzugsgebietsebene unter Beteiligung von Stakeholdern.
Die Idee ist überzeugend und normativ attraktiv.
In der Praxis geschieht jedoch häufig etwas anderes: Fast jede Politik wird „integriert“, Verantwortung zerstreut sich, Entscheidungsprozesse verlangsamen sich, und die stärksten Akteure lernen, das Regelspiel besser zu beherrschen als alle anderen.
Deshalb hat der Nexus-Ansatz – Wasser, Energie, Ernährung, Umwelt – an Bedeutung gewonnen: Er verspricht keine perfekte Harmonie, sondern erkennt Zielkonflikte offen an. Jede Lösung hat ihren Preis. Die Frage ist:
Wer zahlt ihn?
Warum das Flusseinzugsgebiet nicht immer die Lösung ist
Eine der am weitesten verbreiteten – und irreführendsten – Annahmen im Wassermanagement ist, dass das Flusseinzugsgebiet immer die „natürliche“ und optimale Governance-Einheit sei.
Die Schweiz zeigt, warum dies oft nicht zutrifft.
Wasserkraftsysteme können Einzugsgebietsgrenzen überschreiten; Grundwasserleiter folgen anderen Logiken als Oberflächengewässer; politische Grenzen stimmen selten mit der Hydrologie überein.
Statt idealer Lösungen entstehen funktionale Kompromisse – temporär, bedingt, politisch ausgehandelt. Und in diesem Kompromiss liegt eine entscheidende Wahrheit: In der realen Welt ist Wasser niemals „nur Wasser“.
Regeln versus Realität: warum die Lücke kein Versagen ist
Eine der stärksten Erkenntnisse der Implementationsforschung lautet:
Die Distanz zwischen Regeln und Praxis ist kein Systemfehler – sie ist eine normale Funktionsweise des Systems.
In der Schweiz (und anderswo) beobachten wir ein ganzes Spektrum an Strategien: Passivität, strikte Umsetzung, Umgehung, Ausweichstrategien und lokale Innovation.
Recht wird nicht mechanisch „angewendet“ – es wird genutzt, verhandelt, interpretiert und manchmal stillschweigend ignoriert.
Das ist keine Anarchie. Es ist die politische Ökonomie der Ressourcen-Governance.
Jenseits der Alpen: Wasser als Geopolitik
Was wir in der Schweiz in subtiler, administrativer Form sehen, wird jenseits der Alpen explizit und strategisch. Sobald Wasser Grenzen überschreitet, ist es nicht mehr nur eine Ressource – es wird zu einem Machtinstrument.
Der Nil: wie ein Unterliegerstaat zum Hydro-Hegemon wurde
Der Nil ist bemerkenswert, weil er eine verbreitete Annahme widerlegt: dass Oberliegerstaaten automatisch mehr Macht haben.
Ägypten liegt flussabwärts – und agierte dennoch jahrzehntelang als Hydro-Hegemon.
Macht entsteht hier nicht aus Geografie, sondern aus der Geschichte von Regeln und Infrastruktur.
Das Abkommen von 1959 teilte etwa 55,5 Mrd. m³/Jahr Ägypten und 18,5 Mrd. m³/Jahr dem Sudan zu (gemessen bei Assuan) – ein Rahmen, der die Verhandlungen bis heute prägt, obwohl Oberliegerstaaten ihn zunehmend infrage stellen.
Doch die Geschichte verschiebt sich.
Im Oktober 2024 wurde berichtet, dass das Nile Basin Cooperative Framework Agreement (CFA) „in Kraft getreten“ sei – trotz Einwänden Ägyptens und des Sudans.
Ein wichtiges Signal für den Versuch, von einem Regime mit kolonialen Rechtsvermächtnissen zu einem Rahmen „gerechterer Nutzung“ überzugehen.
Deshalb werden Debatten um Äthiopiens GERD oft falsch gelesen, wenn sie nur als Streit um „Wassermengen“ verstanden werden.
Zunehmend geht es um Kontrolle und Vertrauen: Wie schnell wird ein Reservoir gefüllt?
Wie werden Daten geteilt?
Wer entscheidet in Dürrejahren?
Das ist die Geopolitik der Zeit, nicht nur die der Kubikmeter.
Der Mekong: wenn Energie ein Ernährungssystem destabilisiert
Wenn der Nil eine Geschichte von Recht und symbolischer Macht ist, dann ist der Mekong eine Geschichte von Ökonomie und systemischen Auswirkungen.
Der Mekong ist die größte Binnenfischereiregion der Welt; Schätzungen nennen rund 2,3 Millionen Tonnen pro Jahr im Unteren Mekong-Becken – mit enormem wirtschaftlichem und ernährungsbezogenem Wert.
Was viele nicht wissen: Der Mekong wird oft mit etwa 15 % des weltweiten Süßwasserfischfangs in Verbindung gebracht. Staudämme sind hier also nicht nur Energieprojekte, sondern Eingriffe in eines der größten Ernährungssysteme des Planeten.
Mit dem Bau weiterer Dämme zeigen sich die Kosten nicht nur als „weniger Fisch“, sondern als Verschiebungen von Lebensgrundlagen, Sedimentflüssen, Deltaböden und regionaler Ernährungssicherheit.
Berichte warnen, dass rund ein Fünftel der Mekong-Fischarten bedroht ist, wobei Dämme und Entwicklung zu den Haupttreibern zählen.
Hier ist der Nexus keine Theorie – er ist gelebte Realität: Die Energiesicherheit eines Staates kann zur Ernährungsunsicherheit eines anderen werden.
Und da der größte Oberliegerakteur (China) nicht vollständig in denselben institutionellen Rahmen eingebettet ist wie die Unterliegerstaaten, wird Governance zur Frage der Datenasymmetrie: Wer weiß, wie viel Wasser kommt – und wann?
Der Himalaya: die Zukunft der Wasser-Governance
Wenn Nil und Mekong die großen Geschichten des 20. Jahrhunderts sind, dann ist der Himalaya die prägende Geschichte des 21. Jahrhunderts.
Drei Kräfte treffen hier aufeinander: Klimawandel, Energiewende und geopolitischer Wettbewerb.
Himalayische Systeme speisen Brahmaputra, Indus, Ganges, Mekong und Yangtse; die Region wird oft als „Dritter Pol“ bezeichnet, da sie die größten Eis- und Schneereserven außerhalb der Polarregionen beherbergt.
In diesem Kontext wurde eine Entwicklung intensiv diskutiert: Chinas Genehmigung eines Mega-Wasserkraftprojekts am Yarlung Tsangpo (oberer Brahmaputra), oft als Medog/Mêdog bezeichnet, mit einer geplanten Leistung von rund 60 GW – dem Anspruch, die größte Wasserkraftanlage der Welt zu werden.
Das Risiko besteht nicht nur darin, ob „weniger Wasser flussabwärts“ ankommt.
Die tieferen Risiken sind systemisch:
Klimavolatilität: Abflüsse werden unberechenbarer; Governance verschiebt sich von Mengenfragen zu Zeitfragen (wer entscheidet, wann Wasser zurückgehalten oder freigegeben wird).
Seismische Gefährdung: Die Region ist stark erdbebengefährdet; bei Mega-Reservoirs geht es nicht nur um Technik, sondern um Systemresilienz.
Abhängigkeit flussabwärts: Für Indien und Bangladesch ist der Brahmaputra nicht nur Energie – er ist Landwirtschaft, Hochwasserdynamik und Deltaleben.
Institutionen hinken hinterher: Es existiert kein einheitliches, verbindliches, vertrauenswürdiges transnationales Regime vergleichbar mit reifen Einzugsgebietsabkommen.
Der Himalaya zeigt damit die Richtung der Entwicklung: vom Wassermanagement hin zum Management von Risiko, Daten und gegenseitiger Abhängigkeit.
Slowenien im selben Rahmen
Slowenien bietet eine kompakte europäische Brücke zwischen der „leisen Regelpolitik“ der Schweiz und globaler Wasser-Geopolitik.
Hydrologisch liegen etwa 81 % Sloweniens im Donaubecken, der Rest entwässert in die Adria.
Weniger sichtbar, aber entscheidend ist die Karst- und Grundwasserabhängigkeit: In der öffentlichen Wasserversorgung stammten 2019 rund 97,6 % des entnommenen Wassers aus Grundwasser.
V
erfassungsrechtlich nimmt Slowenien eine Sonderstellung ein: Artikel 70a verankert ein Recht auf Trinkwasser und priorisiert öffentliche Wasserressourcen für die Bevölkerung.
Und doch ist die Klimarealität angekommen.
Die Überschwemmungen im August 2023 (4.–6. August) zeigten, wie schnell „Wasserstabilität“ zu systemischem Risiko wird – und Infrastruktur, Modellierung, Krisen-Governance und öffentliches Vertrauen auf die Probe stellt.
Fazit: eine neue Definition von Wassermanagement
Im 20. Jahrhundert wurde Wassermanagement oft in Kubikmetern und Megawatt gemessen.
Im 21. Jahrhundert verlagert es sich: in Zeit (wann Wasser fließt), Daten (wer was weiß – und wann) und Risiko (wer die Folgen von Dürren, Überschwemmungen, Erdbeben und Systemausfällen trägt).
Die Schweiz lehrt uns, dass Regeln und Institutionen immer auch ein Spiel von Interessen sind – und dass Systeme oft durch Ausnahmen regiert werden.
Der Nil lehrt uns, dass Wassermacht kein geografisches Faktum ist, sondern ein Produkt von Recht, Infrastruktur und Diskurs.
Der Mekong lehrt uns, dass „grüne“ Energie ohne sektorübergreifende Koordination Ernährungssysteme destabilisieren kann.
Der Himalaya lehrt uns, dass größere Projekte nicht die Zukunft sind, wenn Institutionen und Vertrauen nicht Schritt halten.
Slowenien schließlich erinnert uns daran, dass selbst ein „kleines“ Land an der Schnittstelle alpiner Extreme, karstischer Verwundbarkeit, grenzüberschreitender Einzugsgebiete und beschleunigter hydrometeorologischer Schocks liegen kann.
Wenn man Wasser-Governance in einen Satz übersetzen müsste, wäre es dieser:
Wasser zu managen heißt, Beziehungen zu managen – zwischen Menschen, Sektoren, Staaten und der Zukunft.
Wussten Sie schon?
Das Überraschendste ist, dass die globale Realität nicht aus „Wasserkriegen“ besteht, sondern aus einer Mischung aus Kooperation, leisen Konflikten und rechtlichen Grauzonen.
Der Nil zeigt, dass Regeln jahrzehntelang halten können – bis sich das politische Gleichgewicht verschiebt und die Rechtsordnung in Bewegung gerät.
Der Mekong zeigt, wie enorm der „unsichtbare“ Wert von Wasser ist: Millionen Tonnen Fisch pro Jahr und ein zweistelliger Anteil am weltweiten Süßwasserfang, beeinflusst durch Infrastrukturentscheidungen, die oft als „reine Energiepolitik“ dargestellt werden.
Und der Himalaya zeigt eine neue Grenze: Mega-Projekte machen Echtzeit-Abflussentscheidungen und Datentransparenz zu einem Teil der Geopolitik – nicht nur der Ingenieurskunst.
Referenzen und weiterführende Literatur
Slowenien – Recht, Wasserversorgung, Überschwemmungen
Državni zbor Republike Slovenije. (2016). Ustavni zakon o dopolnitvi III. poglavja Ustave Republike Slovenije – 70.a člen (Pravica do pitne vode). Ljubljana: Državni zbor RS.
Statistical Office of the Republic of Slovenia (SURS). (2020, 14. Oktober). Public water supply, Slovenia, 2019: 97.6% of water abstracted from groundwater sources. Ljubljana: SURS.
Bezak, N., et al. (2023). A first hydrological investigation of the extreme floods in Slovenia (4–6 August 2023). Natural Hazards and Earth System Sciences, 23, 3885–3902.
Nil – Abkommen und aktuelle Dynamiken
United Nations Treaty Series. (1959). Agreement between the Republic of the Sudan and the United Arab Republic for the full utilisation of the Nile waters. New York: United Nations.
Associated Press. (2024, Oktober). Nile Basin Cooperative Framework Agreement enters into force, despite Egypt and Sudan objections. AP News.
Mekong – Fischerei und Biodiversität
Mekong River Commission. (o. J.). Fisheries in the Lower Mekong Basin: Status, trends and key pressures. Vientiane: MRC.
Reuters. (2024). Report: Around one-fifth of Mekong fish species threatened; dams and development among key drivers. Reuters.
Himalaya / Yarlung Tsangpo (Brahmaputra) – Megaprojekte
Jamestown Foundation. (2024/2025). Analysen zu Chinas Wasserkraftstrategie am Yarlung Tsangpo / Brahmaputra (Medog/Mêdog-Projekt).
Zusätzliche politik- und regionalanalytische Beiträge (z. B. The Diplomat, 2024/2025) zu geopolitischen Auswirkungen und Sorgen flussabwärts.


