Ökologische „Wunder“ nach 2020
- Eva Premk Bogataj
- 16. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Von fragmentierten Lösungen zu relationalem Denken
In seinen Gifford Lectures (1981) formulierte der Religionsphilosoph Seyyed Hossein Nasr eine Warnung, die damals radikal quer zu den vorherrschenden Entwicklungsparadigmen stand:
Ökologische Krisen lassen sich nicht lösen, ohne das Weltbild zu hinterfragen, das sie hervorgebracht hat.
Die Natur, so argumentierte Nasr, sei kein externes Objekt, das verwaltet werden könne, sondern Teil einer relationalen Ordnung, in der menschliche Ethik, Kosmologie und materielle Praxis untrennbar miteinander verflochten sind.
Vier Jahrzehnte später wird Nasr in der globalen Umweltgovernance nur selten zitiert. Und doch deutet eine Reihe von Entwicklungen in Asien seit 2020 darauf hin, dass genau diese Einsicht zunehmend praktisch wirksam wird – oft ohne explizit benannt zu werden.
Diese Veränderungen nehmen nicht die Form umfassender philosophischer Systeme an. Vielmehr zeigen sie sich in Rechtsprechung, Erzählformen, Dateninfrastrukturen, Kunst und lokaler Governance. Sie markieren einen Übergang von einem technokratischen Umweltverständnis hin zu relationalen und planetaren Ansätzen.
Was folgt, sind keine Erfolgsgeschichten im Sinne gelöster Krisen. Es sind vielmehr Zeichen eines epistemischen Wandels – Momente, in denen die Trennung zwischen Mensch und Natur in der Praxis zu erodieren beginnt.
1. China: Umweltschäden sichtbar – und zurechenbar machen

Von Bewusstseinskampagnen zu Infrastrukturen der Verantwortung
Frühe chinesische Umweltdokumentationen wie Under the Dome (2015) zeigten die politische Kraft des Erzählens, indem sie abstrakte Schadstoffdaten in körperlich erfahrbare Realität übersetzten.
Nach 2020 verlagerte sich das Umweltbewusstsein in China jedoch zunehmend von narrativer Aufklärung hin zu institutionalisierter Transparenz.
Das Institute of Public & Environmental Affairs (IPE) unter der Leitung von Ma Jun entwickelte öffentlich zugängliche Plattformen, die Satellitendaten, lokale Emissionsregister und Informationen zu globalen Lieferketten integrieren. Umweltverschmutzung wird dadurch über verschiedene Ebenen hinweg nachvollziehbar – von lokalen Fabriken bis zu internationalen Marken.
Was dieser Wandel zeigt: Umweltethik beruht nicht länger allein auf moralischen Appellen. Sie ist in datenbasierte Systeme eingebettet, die öffentliches Wissen, Konsumentendruck und regulatorische Kontrolle miteinander verknüpfen. Verantwortung wird strukturell – nicht nur symbolisch.
2. Taiwan: Umweltschutz als verfassungsrechtliche Praxis

Von Aktivismus zu intergenerationeller Gerechtigkeit
Seit 2020 hat Taiwan eine stille, aber tiefgreifende Transformation der Umweltgovernance erlebt: Umweltschutz wird zunehmend als verfassungsrechtliche Frage verstanden.
Gerichte beginnen, ökologische Zerstörung direkt mit Verletzungen der Rechte auf Leben, Gesundheit und Würde zu verknüpfen.
Bemerkenswert ist, dass juristische Argumentationen nun einbeziehen:
indigenes ökologisches Wissen,
intergenerationelle Gerechtigkeit,
sowie die langfristigen Folgen extraktiver Entwicklungsmodelle.
Was sich hier zeigt: Nachhaltigkeit gilt nicht länger als politische Präferenz, sondern als Grundbedingung demokratischer Legitimität. Die Umwelt tritt in den Rechtsraum nicht als „Natur“, sondern als lebendiges System, von dem zukünftige Bürgerschaft abhängt.
3. Kunst als langsame ökologische Infrastruktur
Taiwan: Nachhaltigkeit ohne Kampagnen
Die Umweltkunst in Taiwan nach 2020 verzichtet zunehmend auf Spektakel und Dringlichkeitsrhetorik. Künstler:innen in der Tradition von Wu Mali arbeiten stattdessen in langfristigen, gemeinschaftsbasierten Prozessen, die ökologische Regeneration mit lokaler Identität und Lebensgrundlagen verbinden.
In von Taifunen und Landdegradation betroffenen Regionen fungiert künstlerische Praxis als:
Vermittlerin zwischen wissenschaftlichem Wissen und gelebter Erfahrung,
Katalysator kollektiver Reflexion,
Plattform für alternative ökonomische Vorstellungen.
Zentrale Erkenntnis: Ökologische Transformation erfordert oft zeitliche Tiefe statt sofortiger Wirkung. Kunst wirkt hier nicht als Repräsentation, sondern als relationale Infrastruktur.
4. Hong Kong: Ökologie als Archiv und Erinnerung

Wenn Umweltpolitik verstummt, bleiben Geschichten
Nach 2019 nahm sichtbarer Umweltaktivismus in Hongkong stark ab. Doch ökologisches Bewusstsein verschwand nicht – es verlagerte sich in Literatur, Lyrik und künstlerische Archive, die verschwindende Arten, Stadtteile und sinnliche Landschaften dokumentieren.
Autor:innen und Künstler:innen greifen endemische Flora und Fauna als Symbole auf für:
Vergänglichkeit,
umkämpfte Zugehörigkeit,
ökologischen Verlust im Zusammenspiel mit kultureller Auslöschung.
Was dies verdeutlicht: Wenn politischer Handlungsspielraum eingeschränkt ist, übernimmt Umwelterzählung eine ethische Funktion – sie bewahrt ökologische Sensibilität durch Erinnerung und Affekt statt durch Mobilisierung.
5. Indien: Hitze, Ungleichheit und die Politik des Überlebens

Von Entwicklung zu existenzieller Bedrohung
Seit 2020 rücken Hitzewellen im indischen Klimadiskurs zunehmend als Menschenrechtsfrage in den Vordergrund. Gerichte, Stadtplaner:innen und Schriftsteller:innen begreifen extreme Hitze als Bedrohung des Lebens selbst – insbesondere für informell Beschäftigte, Frauen und marginalisierte Gruppen.
Die Umweltliteratur hat sich entsprechend verschoben:
von romantisierter Naturdarstellung zu erlebter Klimaverwundbarkeit,
von Abstraktion zu körperlicher Exposition.
Was sich hier verändert:Natur wird nicht länger ästhetisiert oder sakralisiert. Sie wird zur materiellen Bedingung des Überlebens, die ethische und politische Neuverhandlungen erzwingt.
6. Südostasien: Mangroven als Mit-Akteure
Von Schutz zu Ko-Governance
Mangroven-Renaturierungsprojekte in Südostasien nach 2020 zeigen einen deutlichen konzeptionellen Wandel. Mangroven werden nicht länger vor Menschen geschützt, sondern mit ihnen regeneriert – als lebendige Infrastruktur gegen Überschwemmungen, Erosion und Biodiversitätsverlust.
Ökosysteme werden dabei verstanden als:
aktive Akteure der Resilienz,
Partner statt Ressourcen.
Implikation: Umweltgovernance entwickelt sich hin zu kollaborativen Praxis-Kosmologien, in denen menschliche und nicht-menschliche Handlungsmacht zusammenwirken.
Schluss: Von der Prognose zur Praxis
Nasrs These von 1981 – dass ökologische Krisen aus fragmentierten Weltbildern hervorgehen – findet in Asien eine unerwartete Bestätigung.
Nicht durch religiöse Erneuerung oder philosophischen Konsens, sondern durch rechtliche Innovationen, kulturelle Produktion und infrastrukturelle Experimente.
Die ökologischen „Wunder“ nach 2020 lösen die Krisen nicht.
Doch sie deuten auf etwas Subtileres und möglicherweise Entscheidenderes hin: eine Transformation des Naturverständnisses – vom Objekt zur Relation, vom Hintergrund zur Bedingung, von der Externalität zum geteilten Schicksal.
Zentrale Erkenntnisse
Umweltkrisen werden zunehmend relational und nicht nur technisch adressiert.
Entwicklungen nach 2020 zeigen einen Übergang von Bewusstsein zu Verantwortungsinfrastrukturen.
Recht, Kunst und Literatur wirken als zentrale Akteure ökologischer Transformation.
Nachhaltigkeit hängt davon ab, wer entscheidet, wessen Wissen zählt und wer Risiken trägt.
Asien bietet entscheidende Einsichten in postkapitalistische und post-dualistische Umweltzukünfte.
Die Environmental Humanities liefern unverzichtbare Werkzeuge zur Navigation ethischer, kultureller und planetarer Komplexität.


